Barbara ist Abteilungsleiterin. In Teilzeit. Dreißig Stunden. Das Unternehmen ist sehr stolz darauf. Barbara hängt im Foyer. Als Plakat. „Führen in Teilzeit. Bei uns geht das.“ Darunter lächelt Barbara. Das Foto ist drei Jahre alt. Da hat sie noch geschlafen. Dreißig Stunden stehen im Vertrag. Bezahlt werden dreißig Stunden. Gearbeitet wird, bis es fertig ist. Oder sie. Die Differenz nennt man Commitment. Extra-Meile. Alles vereinbar.
Die Stellvertretung von Barbara ist nicht besetzt. Seit zwei Jahren. Vierzig Stunden Verantwortung auf dreißig Stunden Gehalt, darunter neun Mitarbeitende. Alle Vollzeit. Die Stelle wird nicht nachbesetzt. Barbara hat es ja voll im Griff.
Georg ist Berater. Sein Kunde sitzt in Frankfurt. Georg auch. Montag, erster Flieger. Donnerstag, letzter Flieger. Jede Woche. Am Freitag ist Georg im Home-Office und in Calls. Bis 18:00 Uhr. Am Samstag ist Georg bemüht. Er geht mit den Kindern auf den Spielplatz oder in die Sprunghalle. Schläft dort auf der Bank ein. Am Sonntag packt er. Georg ist kein schlechter Mensch. Georg ist Kreditnehmer. Das Haus muss abbezahlt werden. Noch dreiundzwanzig Jahre. Mit dreißig Stunden allein geht sich das nicht aus. Das weiß Georg. Das weiß Barbara.
Paul geht in die Volksschule. Eva geht in den Kindergarten. Die Volksschule ist im Norden, der Kindergarten im Süden, das Büro im Westen. Barbara ist Logistikerin im Nebenberuf. Sie weckt, sie zieht an, sie macht Jause, sie verteilt. Sie sammelt ein, sie geht einkaufen, sie kocht, sie hilft bei Hausübungen, sie legt nieder, sie wäscht, sie putzt. Dann klappt sie den Laptop auf. Zweite Schicht. Oder dritte. Man verliert den Überblick.
Das Eheleben ist trocken wie ein Martini. Ohne Martini. Es gibt einen geteilten Kalender in Google. Letzter gemeinsamer Eintrag: Elternabend.
Ihre Freunde nennen sie Babsi. Hat sie schon lange nicht mehr gesehen, ihre Freunde. Das letzte Mal haben sie zu einer Grillparty im Sommer eingeladen. Barbara hat alles vorbereitet. Donnerstag, Freitag in der Nacht. Georg hat am Samstag gegrillt. Mit Schürze. War der große Meister. Sichtbarkeit zählt, nicht wer den Coleslaw gemacht hat.
Im Herbst beginnen Kindergarten und Schule. Einfallstor. Schnupfen, Husten, Brechdurchfall. Manchmal Läuse. Mitte Dezember ist Barbara dran.
Urlaub gibt es auch. Der gleiche Stress, nur mit Sand und Sonnenbrand. Vom Wellnessbereich kennen Barbara und Georg nur die Schilder.
Dienstag ist Barbaras Home-Office-Tag. Steht im Kalender. Am Montagabend kommt die Einladung. Präsenztermin, Dienstag, 9:00, mit der HR Business-Partnerin. Es geht um eine renitente Mitarbeiterin aus Barbaras Abteilung. Barbara hatte um Rat gebeten. Barbara fragt, ob das nicht auch online ginge. Es geht nicht. So etwas macht man persönlich, schreibt die HR. Aus Wertschätzung. Na, wenn die HR das sagt. Barbara fährt also Norden, Süden, Westen. Der Waschtag, der dazwischen sonst stattfindet, wird eine Waschnacht. Der Kühlschrank bleibt an dem Tag lückenhaft befüllt. Der Termin dauert fünfundzwanzig Minuten. Die HR Business-Partnerin ist zugeschaltet. Hat heute Home-Office.
Dann die Klausur mit den Kollegen und dem Chef. Haberzettl heißt er. Es geht um die Strategie. Wichtig also. Da muss man sich schon Zeit nehmen, meint Haberzettl. Als Abteilungsleiterin wird sie sich das ja einrichten können. Immerhin ist sie eine Top-Managerin. Managt alles immer vorbildlich. Zwei Tage, mit Übernachtung. Barbara bereitet seit drei Wochen vor. Nachts. Auf die Klausur und auf die Kinderbetreuung. Eine Planung wie ein SAP-Rollout.
Ihre Schwiegermutter reist aus Salzburg an. Um 7:40 sitzt sie im Zug. Um 8:15 wird die Klausur abgesagt. Haberzettl muss in den Vorstand. Ein wichtiger Termin. Haberzettl sitzt dort zwei Stunden und sagt kein Wort. Er steht nicht auf der Agenda. Er ist Kulisse. Aber fehlen kann er sich nicht erlauben. Wer im Vorstand fehlt, über den wird gesprochen. Da hat er recht, der Haberzettl. Das ist das Traurige.
Die Schwiegermutter ist um halb elf da. Sie bleibt trotzdem zwei Tage. Sie hat ein paar Anmerkungen zur Haushaltsführung. Macht Barbara sehr glücklich. Sie weiß halt schon mehr, die Schwiegermutter. Denkt die Schwiegermutter. Die Kinder haben danach Bauchweh von zu viel Süßem. Pflegetag für Barbara. Wieder mal.
Der Kindergarten ruft an. Eva hat Fieber, 11:20, mitten im Steering. Barbara geht raus. Georg ruft sie nicht an. Wozu. Sie erntet missbilligende Blicke im Rücken. Hat sie das nicht im Griff?
Elternsprechtag von Paul. Die Lehrerin fragt, ob der Papa nicht auch mal kommen könnte. Paul hätte das gern. Barbara sagt: Frankfurt. Die Lehrerin nickt. So, wie nur Lehrerinnen nicken.
Dann der Tag des Vortrags. Vortrag von Barbara. Bereichsmeeting, dreihundertzwanzig Leute, 9:00. Um 6:30 steht Barbara vor dem Auto. Paul ist halb munter, Eva weniger. Die Beifahrerscheibe ist eingeschlagen. Gestohlen wurde nichts. Es war auch nichts drinnen, außer Bröseln und einem Kindersitz. Wenn man den auskochen würde, gäbe es Kalorien für ein 16-teiliges Galadinner. Barbara organisiert. Kurzfristig. Die Nachbarin nimmt Paul. Das Taxi nimmt Eva und Barbara. Das Taxi hat keinen Kindersitz. Brauchma net, meint der Taxler. Brauchen wir schon, meint Barbara. Sie baut ihren aus, zwischen den Scherben. Süden, dann Westen. Polizei, Versicherung und Werkstatt erledigt sie vom Rücksitz. Das Taxi zahlt Barbara. Den Kindersitz schleppt sie in die Firma.
Um 8:56 steht sie auf der Bühne. Der Vortrag ist tadellos. Danach Haberzettl. „Gut gemacht. Aber warum bist du so gehetzt? Das überträgt sich.“ Pause. „Meine Frau ist auch immer so angespannt. Ich kenn das.“ Ja eh, Haberzettl, als Beteiligter. Aber danke für das Feedback. Sie wird darüber nachdenken. Also wenn Zeit ist, dann.
Zurück zur renitenten Mitarbeiterin. Sie heißt Sonja. Zwanzig Stunden, zwei Kinder. Alleinerziehend. Sonja weigert sich, am Abteilungs-Jour-fixe teilzunehmen. Der ist am Donnerstag um 16:30. Sonjas Kindergarten sperrt um 16:00 zu. Den Termin hat Barbara angesetzt. Früher geht es nicht, da ist Barbaras Kalender voll. Fixtermine mit dem Chef, Steerings, Soundings. Da kann keiner verschieben. Leider. Sie hat es probiert, es gibt keine Lösung. Barbara hat für Eva die Betreuung bis 18:00 dazugekauft. Das kostet. Mit zwanzig Stunden geht sich das nicht aus. Aber das ist Privatsache. Barbara hat Verständnis. Wirklich. Sie wollte von der HR nur einen Rat. Die HR hat statt eines Rats ein Vorgehen. Das Vorgehen hat eine Gesprächsnotiz. Die ist schon vorbereitet. Barbara liest sie. Nur irgendwann muss man sich auch committen. Sie selbst schafft es ja auch. Barbara unterschreibt. Sonja hängt nicht im Foyer.
Im Mitarbeitergespräch bekommt Barbara ein „übertrifft die Erwartungen“. Hervorgehoben werden Belastbarkeit und konsequente Führung. Barbara fragt, ob sie auf vierzig Stunden aufstocken könnte. Es wäre eine Gehaltserhöhung ohne eine einzige zusätzliche Arbeitsstunde. Haberzettl ist grundsätzlich dafür. Das Employer Branding ist dagegen. Sagt Haberzettl. Man müsste das Plakat abhängen. Barbara bleibt bei dreißig.
Bei Georg läuft es übrigens sehr gut. Sein Projekt in Frankfurt wurde um zwei Jahre verlängert. Der Kunde ist eine Bank. Das Projekt heißt „Family First“. Georg bringt dort Führungskräften bei, wie man Beruf und Familie vereinbart. Er gilt als besonders glaubwürdig. Er hat ja selbst zwei Kinder.
Er hat Fotos dabei.
Analyse
Das Plakat im Foyer kennen wir alle. Wir haben es entweder aufgehängt oder sind daran vorbeigegangen. Rein fiktiv natürlich.
Das Plakat ist nicht die Lüge. Das Plakat ist die Schauseite. Gelogen wird erst, wenn niemand hinschaut, wer die Differenz bezahlt. Rein rechnerisch sind das bei Barbara wöchentlich mehr als zehn Stunden, eine unbesetzte Stellvertretung und ein Taxi.
Vereinbarkeit von Teilzeit und Familie entscheidet sich nicht im Firmenprogramm, sondern im Kalender. Ein Jour fixe um 16:30, ein Präsenztermin mit zugeschalteter HR, eine Klausurabsage um 8:15. Wer wissen will, wie ernst Unternehmen ihre Teilzeitprogramme nehmen, schaut auf die Kalendertermine und nicht auf die Firmen-Homepage.
Sichtbarkeit schlägt Beitrag. Georg grillt mit Schürze. Haberzettl sitzt stumm im Vorstand. Georg zeigt Fotos in Frankfurt. Barbara macht den Coleslaw, bereitet nachts die Klausur vor und baut den Kindersitz aus. Belohnt wird, was man sieht.
Wer ein System unter diesen Schmerzen übersteht, verteidigt es. Nicht aus Bosheit, sondern weil sonst die eigenen Nächte umsonst gewesen wären. „Sie selbst schafft es ja auch“ ist der Satz, mit dem aus der Betroffenen die Vollstreckerin wird. Die HR hat die Notiz schon vorbereitet. Als Adjutantin.
Niemand in dieser Geschichte ist böse. Alle handeln vernünftig innerhalb der Regeln, die sie vorfinden. Genau deshalb ändert ein Appell nichts. Ändern lassen sich Regeln, nicht Haltungen.
Ein persönlicher Nachtrag an der Stelle: Ich war selbst Führungskraft und hatte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Teilzeit. Ich habe das Thema nicht immer so respektiert, wie ich es hätte tun sollen. Das ist meine Bitte um Entschuldigung. Die HR in dieser Geschichte ist ein Verfahren, kein Mensch. Die Menschen, mit denen ich in der HR gearbeitet habe, waren besser als ihre Verfahren.
Artikel erschienen am 30.09.2026 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/41305991/teilzeitfuehrung-alles-vereinbar

