#57 – Nie entschieden. Immer befördert.

Thomas Pisar – satirisch – über Führen und Geführtwerden. Staffel 6 / Folge 7.

Plobersberger ist oben. Er war immer oben. Es kann sich keiner erinnern, dass Plobersberger jemals nicht oben gewesen wäre. Es gibt von ihm keine Lehrzeit, keine Mühen der Ebene, kein erkennbares Unten, aus dem er sich hochgearbeitet hätte. Plobersberger war einfach von Anfang an oben, als wäre er dort hingeboren.

Er ist groß, stattlich, attraktiv. Immer dem Anlass gemäß perfekt gekleidet. Wenn es ein Poloshirt braucht, ist es ein Poloshirt. Wenn es Anzug und Krawatte braucht, ist es Anzug und Krawatte. Nie zu leger, nie zu steif. Exakt die Temperatur, die der Raum gerade hat.

Plobersberger hat keine Feinde. Keine wirklichen. Das ist bemerkenswert in einer Welt, in der jeder oben ein paar Leichen unten im Keller hat und ein paar Leute, die einem den Keller unten gerne zeigen würden. Plobersberger hat aber auch keine wirklichen Freunde. Das fällt niemandem auf, weil es nie jemand vermisst.

Seine Mitarbeiter himmeln ihn an. Sie verehren ihn wie einen Übervater. Das liegt nicht daran, dass er etwas Bestimmtes tut. Es liegt daran, dass er einfach da ist. Senior. Sonor. Seriös. Plobersberger würde nie aus der Haut fahren. Seine Haut ist sein ganzes Kapital. Sie ist durch und durch Oberfläche, und diese Oberfläche ist makellos.

Er spricht mit einer Stimme, die klingt, als hätte sie ein Tonstudio nachbearbeitet. Tief, warm, unangreifbar. Wenn Plobersberger etwas sagt, klingt es weise. Egal, was es ist. Er könnte das Mittagsmenü vorlesen, und die Hälfte des Raums würde sich Notizen machen. Die andere Hälfte würde später behaupten, sie hätte es ohnehin schon immer so gesehen.

»Das Geheimnis von Plobersberger ist, dass er sich anpasst wie ein Chamäleon. «

Das Geheimnis von Plobersberger ist, dass er sich anpasst wie ein Chamäleon. Man setzt ihn auf einen Untergrund. Er nimmt dessen Farbe an. Man setzt ihn auf den nächsten. Er nimmt die nächste an. Er passt überall rein, weil er überall die Farbe der Wand annimmt. Im Vorstand ist er Vorstand. Im Workshop ist er Workshop. Beim Eigentümer ist er Eigentümer. Es bleibt nie ein Rest, der die falsche Farbe hätte. Es gibt keinen Plobersberger, der übrig bliebe, wenn man den Untergrund wegzöge.

Bei einer Klausur sitzt das obere Führungsteam zusammen. Es geht um die strategische Ausrichtung der nächsten drei Jahre. Die Fronten verhärten sich. Die einen wollen wachsen, die anderen wollen konsolidieren. Es wird laut. Dann meldet sich Plobersberger zu Wort. Er sagt, dass beide Seiten einen wichtigen Punkt machen. Dass es klug wäre, die Stärke der Wachstumslogik mit der Disziplin der Konsolidierung zu verbinden. Dass man in einer Welt von BANI nicht das eine gegen das andere ausspielen dürfe, sondern beides denken müsse. Ambiguitätstoleranz. Sowohl als auch. Alle nicken. Niemand kann später sagen, was beschlossen wurde. Alle haben das Gefühl, Plobersberger hat den Raum gerettet.

Plobersberger inspiriert. Er inspiriert dadurch, dass er das sagt, was die anderen ohnehin schon denken. Nur mit einer viel schöneren Formulierung, mit einer viel sonoreren Stimme. Er nimmt die Meinung des Raums, poliert sie, gibt sie zurück. Der Raum applaudiert seiner eigenen Meinung, weil sie aus Plobersbergers Mund so klingt, als wäre sie eine Erkenntnis. Fleischgewordene Echokammer der Uninspirierten.

Er hat Meinungen, natürlich hat er Meinungen. Differenzierte Meinungen. Aber immer innerhalb des Meinungsgebäudes der anderen. Nie ein Stockwerk höher, nie ein Stockwerk tiefer, nie ein Fenster, das auf etwas Unerwartetes hinausginge. Seine Meinungen sind glatt wie eine Billardkugel, frisch gebohnert, und dabei so spannend wie eine sechzehnstündige japanische Grünteezeremonie.

»Verantwortung ist sein Lieblingswort, gleich nach Nachhaltigkeit. «

Plobersberger spricht über Verantwortung. Verantwortung ist sein Lieblingswort, gleich nach Nachhaltigkeit. Er sagt, dass wahre Führung, also wahre Führung, heiße, Verantwortung zu übernehmen, langfristig zu denken, nicht in Quartalen, sondern in Generationen. Er sagt das oft und schön. Keiner bemerkt, dass Plobersberger in seiner ganzen Laufbahn noch nie eine Entscheidung getroffen hat. Keine, für die man ihn hätte verantwortlich machen können. Er hat immer nur zusammengeführt, ausgeglichen, abgewogen. Verantwortung übernimmt man für eine Festlegung. Plobersberger hat sich nie festgelegt. Damit gibt es nichts, was ihm jemand anlasten könnte. Seine Verantwortung verschwindet hinter dem Spiegel, den er den anderen vorhält.

Bei einem Abendessen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden kommt das Gespräch auf ein heikles Thema. Personalabbau, Standortschließung, die übliche Melange. Der Vorsitzende fragt Plobersberger direkt nach seiner Position. Plobersberger legt das Besteck nieder. Er macht eine kurze, bedeutungsvolle Pause, blickt tief in die Augen des Vorsitzenden und sagt, dass es hier keine einfachen Antworten gebe. Verantwortung heiße auch immer, das Unbequeme nicht zu scheuen, dass man aber nie den Menschen aus den Augen verlieren dürfe. Der Vorsitzende ist beeindruckt. Plobersberger hat in zwei Sätzen jede mögliche Position gleichzeitig vertreten und keine. Der Vorsitzende erzählt das später noch dreimal weiter.

Bei Plobersberger gibt es keine Überraschungen. Da kommt nur das Vernünftige, das Rationale, das Wohlüberlegte, das Intelligente, das man oben hören will. Keine Disruptionen. Keine Haken, keine Ösen. Alles glatt. Er strahlt von innen, leise, ohne dass er es zeigen müsste. Er leuchtet einfach durch seine Poren, durch sein bloßes Sein. Er projiziert damit alles, was die anderen sehen wollen.

»Er würde nie persönlich werden. Er würde nie eine Grenze überschreiten. Er würde nie eine Meinung haben, die irgendwo zu sehr aneckt.«

Er würde nie persönlich werden. Er würde nie eine Grenze überschreiten. Er würde nie eine Meinung haben, die irgendwo zu sehr aneckt. Er ist hundert Prozent überraschungsbefreit, hundert Prozent anschlussfähig, hundert Prozent uninspiriert.

Plobersberger spricht über Werte. Er spricht über Prinzipien und deren Wichtigkeit. Er spricht von Haltung, von Verantwortung, von Nachhaltigkeit. Mit sonorer Stimme, in perfekt austarierten Sätzen, in denen jedes Wort exakt so viel wiegt wie sein Gegenwort.

Im Frühjahr wird der Posten des Vorstandsvorsitzenden frei. Es ist der große Posten, auf den Plobersberger seit Jahren wartet. Es gibt ein paar andere Kandidaten. Mit Kanten. Mit Visionen. Mit Meinung. Welche, die in den Gesprächen zu sehr anecken, zu sehr brennen, zu sehr eine eigene Stellung beziehen. Gefährlich.

Die Findungskommission tagt. Sie diskutiert lange. Am Ende ist man sich einig. Man braucht oben jemanden, der zusammenführt. Der ausgleicht. Der keine Lager bildet, weil er selbst kein Lager ist. Der seriös ist, senior, verlässlich, berechenbar. Jemanden, bei dem man weiß, was man bekommt, weil man eben nichts bekommt, das man nicht schon hätte.

Plobersberger bekommt den Posten. Einstimmig.

Bei seiner Antrittsrede spricht er über Verantwortung, Werte, Prinzipien, Nachhaltigkeit und deren Wichtigkeit. Der ganze Saal ist ergriffen. Selbst Plobersberger glaubt sich.

Analyse

Wir sind alle schon in solchen Räumen gesessen. Haben genickt. Still bewundert. Mitgeschrieben. Um zuhause festzustellen, dass die Notizen so hilfreich wie ein Rezept ohne Mengenangaben sind. Uns gefragt, warum wir das nicht selbst so schön sagen können. Wir hätten es gekonnt, es war ja unsere Meinung.

Wer sich nie festlegt, kann nie falsch liegen. Verantwortung entsteht erst mit der Festlegung. Wer nur zusammenführt, ausgleicht und abwägt, produziert Konsens, aber keine Entscheidung, und ist damit unangreifbar. Das System bemerkt den Unterschied nicht, weil es ihn nicht messen kann. Es belohnt Anschlussfähigkeit. Nicht Richtigkeit. Nicht quergebürstete Entscheidungen. Findungskommissionen entscheiden nicht für das Beste, sondern für das Verträglichste. Kanten gelten als Risiko, Konturlosigkeit als Seniorität. Einstimmigkeit ist kein Qualitätsurteil, sondern ein Zeichen dafür, dass niemand etwas zu verlieren hatte.

Sowohl-als-auch ist in komplexen Lagen die richtige Diagnose und die falsche Therapie, wenn nichts folgt. Wachstum und Konsolidierung gleichzeitig zu denken ist klug. Aber in Komplexität lernt man nur durch Versuche, klein, parallel, abbrechbar. Ein Raum, der nach dem Sowohl-als-auch nicht mehr weiß, was beschlossen wurde, hat nichts beschlossen. Das fühlt sich wie Weisheit an und ist Stillstand. In stabilen Zeiten kostet das nichts. Der Kontext erledigt die Richtung. In der Krise ist der Kontext das Problem, und dann sitzt oben ein leerer Stuhl mit sonorer Stimme. Wunderbar.

Die Echokammer braucht uns als Verstärker. Niemand wird ohne Publikum zum Übervater. Wir liefern die Bewunderung, weil sie uns entlastet: Wenn die sonore Stimme unsere Meinung sagt, müssen wir sie nicht mehr selbst verantworten. Das Nicken ist Zugehörigkeit zum Billigtarif. Und wer immer oben war, hat Scheitern nie geübt. Ohne Mühen der Ebene fehlt die Erfahrung, dass man eine falsche Festlegung überlebt. Dann wird jede Festlegung zur Bedrohung und Vermeidung zur Lebensform.

Die Fassade wird irgendwann zur Innenausstattung. Wer lange genug sagt, was alle hören wollen, hört es selbst. Die Antrittsrede ist nicht gelogen. Das ist das Beunruhigende. Zusammenführen ist eine echte Führungsleistung. Der Unterschied ist nur, ob noch jemand übrig bleibt, wenn man den Untergrund wegzieht.

Artikel erschienen am 14.10.2026 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/41353414/pisar-studie-nie-entschieden-immer-befoerdert

Share:

Weitere Beiträge