#59 – Management pur

Thomas Pisar – satirisch – über Führen und Geführtwerden. Staffel 6 / Folge 9.

Montagvormittag. Das Wochenende hat noch Strahlkraft. Negative. Doppler hat am Samstag hundertachtzig Kilometer auf dem Rennrad abgespult. Am Sonntag wurden die Beine mit einem Halbmarathon noch einmal kurz aufgewärmt. Hat nicht lange gedauert. Der Sonntag schon, das Aufwärmen nicht. Der Tank ist schnell ganz leer. Am Montagvormittag fehlt jede Energie.

Zum Glück ist von 09:00 bis 10:30 immer der gleiche langweilige, unspektakuläre Jour Fixe. Das Ding tarnt seine Wirksamkeit wie ein Scharfschütze in voller Camouflage seine Stellung. Inhaltlich komplett unnötig. Als Start in die Woche unabdingbar. Der Termin ist ein Aufwärmen, bevor es losgeht. Eine Rampe in die Woche.

Einmal ist er ausgefallen. Feiertag am Montag. Doppler ist bis Mittwoch nicht in die Woche gekommen.

Er öffnet in seiner Inbox das oberste Mail. Er liest bis zur Hälfte. Macht es wieder zu. Zu lang, und da unten in dem Mail warten nur Actions auf ihn. Monster in der Tiefe. Will er jetzt nicht sehen. Hat er somit auch nicht gesehen. Die nächsten vier Mails kann er löschen. Zu mehr reicht es nicht. Er rettet sich mit Mails umwälzen und kategorisieren bis zum Mittagessen. Der erste Teil von „Getting Things Done“. Vorbereitung. Der zweite Teil, der mit dem „Machen“, ist bei Doppler energetisch noch nicht angekommen.

Endlich. Ab in die Kantine. Doppler kennt den Rhythmus. Spätestens am Dienstag in der Früh, ab und zu bereits am Montag ab 17:00 Uhr, wird es besser. Noch ist Montagmittag. Keine Zeit, um Entscheidungen zu treffen. Er kann nicht einmal ein Mittagessen auswählen. Holt sich einen Kornspitz.

Am Nachmittag folgen drei kurze Halbstünder zu wichtigen, aber nicht ganz wichtigen oder unangenehmen Themen. Da geht schon ein bisschen was. Da schießt, ganz sanft, das erste „Dopamin“ des reinen Managens ein. Wie leichte Bewegung an der frischen Luft den Geist belebt, beleben die drei Meetings die Freude am reinen Tun. Egal was. Nur tun. Die Bewegung zwischen den Meetings durch den Raumwechsel zahlt positiv darauf ein. Es fühlt sich schon fast so an, wie es sich am Mittwoch anfühlen wird. Doppler schreibt noch drei Mails zu diversen Themen. Nicht zu viele. Er muss ja auch die Antworten lesen. Irgendwann.

Dienstag in der Früh. Ein wichtiger, lange vorbereiteter Workshoptermin. Auf den hat sich Doppler schon seit Tagen gefreut. Irgendwie. Endlich passiert wieder was. Man kann Pläne schmieden, lange in die Zukunft schauen. Das Zauberwort heißt „Strategie“. Je weiter weg, desto besser, weil es einen von jeder Verantwortung entbindet. Zu dem Zeitpunkt, über den im Workshop geredet wird, wird sich keiner mehr an den Workshop und die getroffenen Zusagen erinnern. Das befreit. Wie eine Lymphdrainage. Bringt weitere Action. Der „Dopamin“-Strom fließt wieder. Er gibt die Kraft, die längeren Mails in der Inbox zu lesen und die eine oder andere Action abzuschließen.

Am Nachmittag führt Doppler zwei unangenehme Telefonate. Sind ihm seit Tagen im Magen gelegen. Rafft sich bewusst dazu auf, weil er das Gefühl danach haben will. Es ist erledigt. Es ist hinter ihm. So ist es dann auch.

Der Dienstag klingt mit einer Projektretrospektive aus. Das sind die besten Termine. Man klopft sich gegenseitig auf die Schulter. Die kritischen Learnings haben die Halbwertszeit eines hochradioaktiven Isotops. Merkt sich keine Sau.

Mittwoch. Teamklausur. Wellness im Büro. Herrlich, aus dem operativen Trott auszusteigen. Den ganzen Tag große Linien, weite Horizonte, null Verbindlichkeit. Nebenbei schupft Doppler vier kritische Themen in den Pausen. Virtuos. Mit Energie und Elan. Auf den Punkt. Anstrengend, aber auch nicht. Die Lust am reinen Management ist wieder da. Neben dem „Dopamin“ kommt „Adrenalin“ hinzu. Spannung. Was für ein Cocktail. Alles Drogen umsonst. Sein Team hat die Kurve längst gelernt. Entscheidungen ab Mittwoch. Dienstag maximal Vorbereitung. Montag ist tabu. Niemand sagt es ihm. Es funktioniert.

Donnerstag ist Action pur. Durch die Klausur am Mittwoch hat sich vieles zusammengestaut. Dreißig-Minuten-Termine am laufenden Band. Unentwegt Abwechslung. Ein Husarenritt durch die Themenlandschaft. Kein Mittagessen, nur Kaffee und Pinkelpausen zwischendurch. Alle fünfzehn Minuten überprüft Doppler den Kalender. Merkt sich gerade mal den nächsten Termin, nie, was an einem Tag sonst noch folgt. Ausnahme sind die wirklich wichtigen und großen Termine, aber von denen gibt es nicht jeden Tag einen. Der Rest ist Geplänkel. Unwichtig. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Bit Merkkapazität darauf zu verschwenden. Steht alles im Kalender. Der treibt ihn durch den Tag. Seine Assistentin hat mehr Einfluss auf seine Prioritäten, als beiden bewusst ist.

„Ich hab‘ dir hier noch einen Termin beim Chef reingequetscht. Braucht dich dringend“, sagt sie zu ihm im Vorbeigehen. Überlappt mit dem Folgetermin. Muss er irgendwie lösen. Sein Chef braucht ihn. Dringend. Geht nicht anders. Diesmal „Oxytozin“.

Actions werden verteilt, Ergebnisse eingeholt. Eine Krise abgewendet. Ob sie ohne ihn überhaupt eine geworden wäre, fragt sich Doppler nicht. Keine Zeit. Die Antwort könnte den Drogencocktail gefährden. Leute werden vernetzt, damit sich Themen vernetzen können. Viele Telefonate, viele persönliche Gespräche. Am Gang, in der Kantine, in der Latrine. Es tut sich was im Laden. Im Talentreview steht Doppler seit drei Jahren oben rechts. High Performer. Die Kalenderdichte spricht für ihn.

Am Freitag um 16:00 stellt sich die Enttäuschung ein. Der ganze Flow wird durch dieses Wochenende unterbrochen. Kann das nicht einmal ausfallen, jetzt, wo alles so super läuft? Jetzt, wo alles im Fluss ist? Jetzt, wo die Energie fließt wie Strom in einer Überlandleitung? Diesmal „Cortisol“. Keine Termine.

Früher hat sich Doppler am Wochenende einen hinter die Binde gegossen, um das fehlende „Dopamin“ zu ersetzen. Heute ist er gesünder unterwegs. Glaubt er. Die internen Drogen müssen am Wochenende woanders herkommen. Samstag steht die lange Runde am Plan, Sonntag der lange Lauf. Der Puls ersetzt den Kalender. Die Segmentzeiten ersetzen die Actions. Die Strava-App ersetzt die Assistentin. Kudos statt Schulterklopfen in der Retrospektive. Hauptsache, es tut sich was.

Urlaub ist Entzug auf zwei Wochen gestreckt. Am zweiten Tag öffnet Doppler den Kalender. Schaut nur. Am dritten Tag beantwortet er Mails. Anfänglich eines. Später alle. Am fünften Tag läuft er am Strand einen Halbmarathon. Der Puls ist wieder da.

Am Montag nach dem Wochenende wird dann jede Energie fehlen. Der Tank ist wieder schnell ganz leer.

Zum Glück ist von 09:00 bis 10:30 der Jour Fixe.

Analyse

Doppler ist kein Einzelfall. Fragen Sie Ihren Kalender. Wir kennen die Kurve, spätestens wenn der Kalender uns treibt statt wir ihn. Was können wir aus der Geschichte lernen?

Betriebsamkeit fühlt sich an wie Wirksamkeit, ist aber nur ihr Nebengeräusch. Rauschen. Dreißig Termine am Tag erzeugen Bewegung, keine Richtung. Erhöhen die Temperatur. Wer Termine zählt statt Entscheidungen, misst den Puls und hält ihn für den Blutdruck. Nach Ergebnissen fragen wir lieber gar nicht.

Die einzige Frage, die Steuerung von Betriebsamkeit unterscheidet, wäre die nach der Krise: Wäre sie ohne Doppler überhaupt eine geworden? Weiß keiner. Fragt keiner. Würde den Cocktail gefährden.

Organisationen belohnen, was sie sehen können. Kalenderdichte, Präsenz, Erreichbarkeit von oben landen im Talentreview. Entscheidungsqualität ist schwerer beobachtbar, also wird sie nicht bewertet. Wir sind wieder beim Suchen des Schlüssels unter der Laterne, weil dort das Licht brennt. Nicht, weil er dort verloren gegangen ist.

Die abgewendete Krise ist das perfekte Produkt dieser Logik: sichtbar, zurechenbar, nicht überprüfbar. Rituale sind keine Zeitverschwendung, sondern Rampen. Der langweilige Jour Fixe tut inhaltlich nichts und ist trotzdem unverzichtbar. Er synchronisiert, markiert den Wochenbeginn, verteilt Aufmerksamkeit. Dafür braucht er keine Agenda. Streichen bringt vordergründig Zeit. Der Takt fehlt dann. Retrospektive und Klausur leisten dasselbe in anderer Verkleidung: Sie erzeugen Zugehörigkeit, nicht Learnings. Die Halbwertszeit der kritischen Punkte ist symptomatisch. Wer will schon was lernen?
Die Umgebung passt sich dem Muster an. Das Team legt Entscheidungen auf Mittwoch, Montag ist tabu, niemand sagt es Doppler. Die Assistentin steuert die Prioritäten, ohne dass es jemandem auffällt. Das ist Systemerhaltung. Ein Muster, das alle kennen und niemand ausspricht, ist der stabilste Zustand, den ein Muster erreichen kann. Wenn es keiner benennt, kann man auch nicht drüber diskutieren. Die Anpassung macht die Dysfunktion robust.

Der Entzug findet nicht statt, er wird verlagert. Puls statt Kalender, Segmentzeiten statt Actions, Kudos statt Schulterklopfen. Früher Alkohol, heute Sport. Die Substitution ist glaubwürdiger geworden. Ob es eine Lösung ist, fragt keiner.

Das soll kein Plädoyer gegen Sport sein. Bewegung ist wichtig und gesund. In Maßen. Auch ich hatte meine „extremen“ Phasen im Sport. Sieht man heute nicht mehr.

Der Urlaub zeigt die Grenze: zwei Tage ohne Kalender, dann nur schauen, dann ein Mail, dann alle. Der Entzug scheitert nicht am Willen, sondern am Fehlen einer anderen Quelle für Bedeutung. Dopplers Antrieb ist nicht der Inhalt, sondern das Gebrauchtwerden. Der Kalender ersetzt die Frage nach dem Sinn durch die Frage nach dem nächsten Termin. Der nächste Termin hat immer eine Antwort.

Fairerweise: Die Telefonate, die vier Themen in den Pausen und die abgewendete Krise sind genau das, was ein operatives Umfeld verlangt. Doppler ist kein Nichtstuer. Ganz im Gegenteil. Er ist ein Süchtiger, ein Getriebener, der liefert. Das System hält ihn stabil, weil er das System stabil hält. Montag ist tabu. Auch für ihn. Und für Sie?

Artikel erschienen am 28.10.2026 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/41397423/pisar-studie-management-pur

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