Wechsler weiß, was er kann. Er ist der ungekrönte Master of Transformation des Landes. Weltweit. Dafür wurde er von der Geschäftsführung in die OWOSAMA GmbH geholt: die große KI-Transformation. Die Wende in der OWOSAMA GmbH. Stockt seit Monaten. Es geht um nichts weniger als die Zukunft des Unternehmens. Wer jetzt nicht transformiert, wird aussortiert. Wechsler weiß, was er zu tun hat. Er zögert keinen Tag. Keine Stunde. Keine Minute. Er entwickelt die KI-Vision 2030. Alleine. Er schreibt das AI Operating Model. Alleine. Er erstellt die Kommunikationsstrategie. Alleine. Er konzipiert die AI-Academy. Alleine. Er definiert die AI-Governance. Alleine. Er definiert die komplette Roadmap. Alleine. Er designt die OWOSAMA-AI-first-Company. Alleine. Wie sonst?
Er braucht niemanden aus dieser lahmen Bande, die bis jetzt höchstens heimlich ChatGPT am Privathandy benutzt hat. Mit Firmendaten. Weiß eh ein jeder.
Zwei Monate nach seinem Eintritt in die OWOSAMA GmbH informiert er die betroffenen Abteilungsleiter. Er verliert keine Zeit. Das Kommunikationskonzept ist massiv. Disruptionen. Exponentielles Zeitalter. Augmentierte Organisation. VUCA. BANI. Alles. Er spielt gekonnt mit der Analogie der Mondlandung. Das hier ist das Apollo-Programm der OWOSAMA GmbH. Er ist die NASA auf Speed. Die gesamte NASA.
Das ist mal groß und nimmt alle mit. Zumindest schauen wir mitgenommen. Wir Abteilungsleiter sind alle Mitte 50. Unsere Hobbys sind Golf, Wandern und Wein. Augenrollen. Mondlandung, schönes Bild. Houston, wir haben ein Problem. Mit dem Wechsler.
Er präsentiert die AI-Academy. Drei Lernpfade, sieben Module, ein Zertifikat. Man muss zur Durchführung lediglich drei Abteilungsleiterklausuren und das Quartalsmeeting der Geschäftsleitung verschieben. Kleinigkeit. Wer zum Mond will, muss Opfer bringen.
Der Go-live der Transformation fällt mit dem Change Freeze der IT zum Jahresende zusammen. Man muss vielleicht noch mit der Personalvertretung reden. Und mit dem Datenschutzbeauftragten. Und mit der Rechtsabteilung. Kleinigkeiten. Keiner hat gesagt, dass eine Mondlandung leicht werden wird.
Am Ende des Tages, sechs Monate später, setzt sich Wechsler durch. Gegen alle Widerstände. Am Ende des Tages ist er erfolgreich. Die KI-Transformation der OWOSAMA GmbH geht zum Stichtag live: Alle dreizehn User erhalten ihre Copilot-Lizenz. Mehr hat das Budget nicht hergegeben. Pilot halt. Oder, wie Wechsler es nennt: temporärer Explorativbetrieb vor der Exponentialphase. Elf davon nutzen sie in der ersten Woche genau einmal. Drei lassen sich ein E-Mail formulieren, das die anderen acht mit Copilot zusammenfassen. Meines geht an Wechsler. Gratulation zur Mondlandung. Hätte ich selbst nicht besser hinbekommen. Das E-Mail.
Analyse
Ich bin auch schon einmal alleine an einem Konzept gesessen, weil es so schneller ging. Ich habe auch ein Moonshot-Goal verkündet, das sich dann in die Banalität des Alltags verflüchtigt hat. Maximal peinlich hinterher. Ich erinnere mich nur zu gut daran. Was lernen wir daraus?
Beteiligung ist kein Zeitverlust. Beteiligung ist ein wesentlicher Teil der Transformation. Wer alles alleine schreibt, hat am Ende ein Dokument und keine Organisation, die irgendetwas mitträgt. Die vordergründig gesparte Zeit zahlt man vielfach zurück oder man verhindert grundsätzlich ein effektives Ergebnis. Die Größe der Rhetorik verrät die Kleinheit des Vorhabens. Apollo-Programme braucht, wer dreizehn Lizenzen rechtfertigen muss. Wer wirklich transformiert, hat selten Zeit für unpassende Analogien.
Dreizehn Copilot-Lizenzen sind nichts Schlechtes. Sie sind ein guter Einstieg. Oft der einzige Einstieg, den eine Organisation ohne großes Risiko gehen kann. Zum Problem werden sie, wenn der Rollout als Ziel gilt und der Stichtag als Erfolg. Eine Lizenz verändert kein Arbeiten. Wer das Werkzeug verteilt und die Arbeit lässt, wie sie ist, hat Software gekauft, keine Transformation. Die Transformation beginnt am Tag danach, wenn jemand fragt, was sich im Arbeiten ändern soll. Diese Frage stellt bei der OWOSAMA GmbH niemand. Das ist keine Kritik am Werkzeug. Es gilt für jedes Werkzeug, das als Transformation verteilt wird.
Die OWOSAMA GmbH ist kein Ausreißer, sie ist ungefähr der Median. Microsoft meldete im Sommer 2026 mehr als dreißig Millionen bezahlte Copilot-Lizenzen. Der Lizenz-Rollout ist der Standardeinstieg in die KI-Transformation geworden. Wie viele davon genutzt werden, ist eine Frage der Messmethode: Je nach Zählweise gilt schon eine einzige Interaktion als aktive Nutzung. Eine vielzitierte MIT-Studie aus 2025 kommt bei unternehmensspezifischen KI-Lösungen auf rund fünf Prozent, die eine produktive, nachhaltig wirksame Implementierung erreichen. Sie beschreibt das heimliche private ChatGPT-Konto als Normalfall. McKinsey zählt 2026 fast neun von zehn Unternehmen, die KI regelmäßig in mindestens einer Funktion einsetzen. Nur 37 Prozent schreiben ihr einen spürbaren Ergebnisbeitrag zu. Echte High Performer bleiben mit rund sechs Prozent selten.
Elf von dreizehn, genau einmal: Das ist keine Satire, das ist eine Nutzungsstatistik.
Eine KI-Einführung gehört überlegt. Drei Fragen. Keine stellt Wechsler.
Erstens: Wo? Dort, wo die Arbeit sinnvoll durch KI unterstützt werden kann. Das Privathandy mit ChatGPT ist kein Disziplinproblem, es ist eine erste Bedarfsanalyse, die eine Organisation gratis bekommt. Natürlich sollte die Auswahl nicht nur danach erfolgen oder danach, wer am lautesten schreit. Sonst bekommt man die Wunschliste an das Christkind. Das liefert halt nur einmal im Jahr. KI kann in vielen Prozessen unterstützen, die heute noch manuell erfolgen. KI-Agents können ganze Tätigkeitsfelder übernehmen. Lediglich bei der Aufstellung neuer Hypothesen ist KI mit Vorsicht zu genießen. In der komplexen Domäne gibt es keine Kausalketten nach vorne, die Realität hält zu viele Entwicklungen parat. Dort schränkt eine zu frühe KI-Einbindung auf wenige Varianten ein, wo Ausprobieren im System die Methode der Wahl wäre. In unserem Fall schreibt Wechsler die Liste alleine. Die anderen haben eine virtuelle Wunschliste.
Zweitens: Wie? Nicht als Programm mit Stichtag, sondern als komplexes Vorhaben. Ein paar Teams, ein paar konkrete Aufgaben. Nach ein paar Wochen schauen, was trägt, das verstärken, den Rest lassen. Ein Big Bang in einem komplexen System ist eine Wette ohne Rückweg.
Drittens: Was verändert sich dadurch? Wer mit KI arbeitet, arbeitet anders. Anders zusammen, anders mit Fehlern, anders mit Verantwortung. Spätestens wenn KI-Agents ganze Tätigkeitsfelder übernehmen, stellt sich die Frage, wer für das Ergebnis geradesteht. Das ist eine Führungsfrage, keine Lizenzfrage. Das ist kein Nebeneffekt der Einführung. Das ist die Einführung. Wer nur die Lizenz plant und nicht die Kulturveränderung dabei beobachtet, bekommt die Lizenz. Und nur die.
Die Organisation gewinnt immer. Sie hat Wechsler nicht bekämpft. Sie hat ihn gelassen. Augenrollen, Klausuren verschieben, Lizenz einmal anklicken. Das ist kein Widerstand. Das ist Duldung, weil Duldung weniger Energie kostet als Widerstand. Die Organisation verdaut auch Mondlandungen. Wir alle kennen Verdauungsprodukte.
Wer sich für den Master of Transformation hält, braucht die anderen als lahme Bande. Die Abwertung der Betroffenen ist eine Voraussetzung des eigenen Selbstbilds. Sie ist der zuverlässigste Weg, genau das Verhalten zu erzeugen, das man vorher unterstellt hat. Jeder in der Organisation weiß das. Ich habe es selbst oft genug so gemacht.
Artikel erschienen am 21.10.2026 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/41374446/die-grosse-ki-transformation

