Es ist wieder so weit. Einmal im Jahr trifft sich der gesamte Vorstand der Woodgood AG und deren direkte Mitarbeiter zur Strategieklausur. 27 sogenannte Direct Reports – vom Direktor für Sales mit
mehreren hundert Mitarbeitenden bis zum Gleichberechtigungsbeauftragten ohne Mitarbeiter. Alle sind gleich wichtig. Und das ist gut so.
Austragungsort ist ein teures Thermenhotel mit Top-Weinauswahl und Wellness-Oase in bester Lage. Die Moderatorin wird extra aus Spanien eingeflogen – die Hohepriesterin der nun folgenden Strategie-Messe. Man lässt sich das was kosten. So eine findet man in Österreich nicht. Nicht mit einem derart sympathischen Akzent. Eine Moderatorin und fünf Ladys Entourage. Die sind wichtig, um Post-its zu verteilen, Pinnwände zu verschieben und Filzstifte zu spitzen. In den Pausen muss eine der eingeflogenen Ladys die Berieselungsmusik aufdrehen. Das hat Qualität. Das kann man nicht mit eigenen Leuten machen. Die Playlist ist eigens zusammengestellt worden.
Der Vorstand reist immer schon am Vormittag an, um mit der Moderations-Priesterin die Agenda zu finalisieren und die strategisch wichtigen Punkte für die Klausur festzulegen. Strategie wird inhaltlich nicht diskutiert – die schaut ohnehin seit vielen Jahren gleich aus. Was soll sich tun in der Holzbranche? Die spanischen Ladys täuschen in der Zwischenzeit hektische Betriebsamkeit vor, um das Honorar zu rechtfertigen.
Am Nachmittag treffen die 27 Direct Reports einzeln ein. Einige Verwegene sind schon zu Mittag da und tauschen sich im Wellnessbereich zu wichtigen Firmenthemen aus. Meist über Kollegen, die nicht da sind. Frauen sind da nie dabei. Das macht es leichter. Das muss man ja auch mal sagen dürfen.
Um 16.00 Uhr beginnt das Hochamt. Jedes Jahr wird ein anderer externer Keynote-Speaker eingeladen, der die Truppe auf das folgende Event motivatorisch einschwingt. Man lässt sich das was kosten. In der Regel sind das Ex-Skirennläufer, Ex-Triathlongewinner, Extremluftanhalter, weibliche Ex-Fußballerinnen oder ex-weibliche Ex-Fußballer. Auf jeden Fall niemand vom Fach. Der Motivationseinlauf dauert dreißig Minuten. Danach verlassen alle euphorisiert den Raum. Der Hype hält immerhin bis zum Nachtisch des Abendessens an. Die Motivationsbotschaften („Sei mutig“, „Sei konsequent“, „Geh deinen Weg“) werden angeregt diskutiert. So muss man das halt machen – dann klappt es auch mit dem Sprung von der Baumgartnerhöhe. An der Bar ist die Wirkung bereits verblasst, nach dem dritten Longdrink auf Firmenkosten gänzlich verpufft. Der Motivationseinlauf mischt sich mit dem Alkohol – der Alkohol gewinnt immer. Man wendet sich wieder den Saunathemen zu. Einige Unermüdliche – immer die gleichen – halten zur Freude des Barmanns bis 02.42 Uhr durch und wanken dann ins Hotelzimmer. Einzeln, denn für alles andere ist man schon viel
zu alt.
Am nächsten Tag gibt es für die Übermotivierten und die Übernächtigten eine Laufrunde. Man dünstet Angst, Alkohol und Testosteron aus. Keiner wird langsamer. Dann lieber einen Hinterwandinfarkt – der geht als Ausrede gerade noch durch.
Frühstück. Jeder versucht, so frisch wie möglich auszusehen. Die Streber beantworten gut sichtbar für den Vorstand am privaten iPad E-Mails. Man unterstreicht die eigene Unabkömmlichkeit.
Um 09.00 Uhr läutet die Hohepriesterin des Südens die eigentliche Veranstaltung ein. Tatsächlich mit einer Kuhglocke. Original spanische Kuhglocke. Viele sind jetzt bereits so ramponiert, dass sie nur mehr ans Heimfahren denken. Es gibt die klassische Übung zum Einstieg: Wie bin ich da (mit dem Auto, wie sonst)? Was kann mich von meinem hundertprozentigen Beitrag abhalten (sieben Gin Tonic von der Bar gestern)? Was möchte ich gerne mitnehmen, damit es für mich ein Erfolg war (den Bademantel des Hotels vielleicht)?
Der CEO sondert ein paar wertbefreite Sprechperlen ab, deren Eindringtiefe einem Wattebausch auf Stahlbeton gleicht. Die ersten haben jetzt schon Schwierigkeiten, die Augen offen zu halten.
Es folgt ein inhaltlicher Beitrag zum Thema Leadership in der VUCA-Welt, mit darauffolgender Übung, was das für jeden selbst bedeutet. VUCA und Holz – alter Schwede. Die Ergebnisse bitte gut lesbar auf Post-its schreiben, damit sie gruppiert werden können. Vier Pinnwände sind damit voll. Nachdem man das dritte Post-it mit einer viel zu kleinen Nadel an die Wand genagelt hat, schmerzen die Finger. Leider halten die Post-its nicht von selbst. Die spanischen Ladys sind verzweifelt. Der Vormittag ist um. Zum Glück gab es in einer Pause bereits Kuchen. Der Zucker hilft beim Überleben. Kalorienzufuhr bis jetzt: 4.500 Kalorien.
Mittagessen mit Buffet, also Vorspeisensalat mit zu viel Dressing, Leberknödelsuppe, Fisch mit Reis, Fleisch mit Nudeln, fünf Stück kleine Törtchen, Kaffee. Das lustige Aktivierungsspiel mit homöopathischen Bewegungsabläufen – weil man die Beleibten nicht überfordern will – hat keine Chance gegen das Gulaschkoma. Es folgt ein Ausblick auf die Strategie, vorgetragen von den einzelnen Vorstandsmitgliedern. Jeder darf mal ran. In der letzten Reihe sabbert der Marketingdirektor im Schlaf auf sein hellblaues Hemd. Mit der nicht ganz neuen Erkenntnis, über die sich nicht verändernde Strategie werden die nächsten Post-its beschmiert. Diesmal als Gruppenarbeit. Die Gruppen werden durch farbige Zettel zusammengestellt, die sich auf der Unterseite des Sessels befinden. Neben ein paar alten Kaugummis. Die nächste Frage: Was leiten wir aus der Strategie für uns als „ein Team“ ab? Niemand fragt, wie ein Team aus 27 Leuten plus Vorstandsriege bestehen kann. Am Ende sind weitere vier Pinnwände beklebt.
Pause mit Kuchen und kleinen Brötchen. Danach folgt die Frage nach Feedback und ob die Erwartungen erfüllt wurden bzw. welche Punkte noch offengeblieben sind. Niemand interessiert das noch – am allerwenigsten jene, die fragen.
Zum Finale werden die Sessel von den Ladies mühsam in einen Kreis arrangiert. Man verliert wertvolle fünfzehn Minuten, die man bereits privat hätte nutzen können. Jeder darf noch ein Wort (aber wirklich nur ein Wort, bitte) zum Event absondern. Doppelnennungen erlaubt. Wunderbar.
80.000 Euro Kosten und 8.000 Kalorien pro Person später ist die Messe gelesen. Der Segen wurde gesprochen. Die Ladies entsorgen die Post-its von den Pinnwänden in Windeseile. Nur die Wirkung der eineinhalb Tage verraucht schneller. Was bleibt, ist der eingesackte Hotelbademantel – und
drei Tage schlechte Verdauung.
Learnings
Die Geschichte ist natürlich eine Satire und maßlos überzeichnet. Trotzdem sind ein paar Learnings drinnen:
- Ein Strategie-Klausur, die sich lediglich mit dem Vorbeten der bestehenden Strategie auseinandersetzt, wird zu keiner Veränderung führen. In diesem konkreten Fall der Woodgood AG ist auch keine Veränderung notwendig. Das Kind, also das Event, braucht allerdings einen Namen – Strategie-Klausur.
- Jährliche Zeremonien wie diese haben ihren Wert in der Zusammenkunft und im informellen Austausch aller Führungskräfte, der so nie im operativen Alltag stattfindet.
- Inszenierungen mit externer Chichi-Moderation, motivatorischen Keynote Speakern und einer teuren Lokation sind vordergründig übertrieben. Der Gestus hebt allerdings den Status des Events und transportiert im Sub-Text: Ihr seid uns wichtig.
- Das Event schafft eine Bühne der Selbstdarstellung der Direct Reports vor den Vorständen, die gerne wahrgenommen wird. Hier kann Einsatz- und Leistungsbereitschaft demonstriert werden, beim Frühstück, beim Laufen, an der Pinwand.
- An der Bar und den anderen inoffiziellen Gelegenheiten gruppieren sich meist die gleichen Personen, was dem Austausch in Summe hinderlich ist.
- Gruppenarbeiten, Post-its und Pinwände sind Pflicht, aber die Ergebnisse daraus werden in den seltensten Fällen konsequent weiterverfolgt. Im besten Fall manifestieren sie sich ein einem Mindset-prägenden Slogan, der da und dort wieder auftaucht, aber wenig bis keine Wirkung erzeugt (siehe Pisar-Studie #4 Mindset Change).
- Feedback ist Pflicht, aber interessiert in Wahrheit nicht wirklich.
Wie laufen Ihre Strategie Klausuren ab? Waren sich schon öfter der Meinung, eher in einer Messe, statt in einer Erarbeitung von Inhalten zu sein?
Erarbeiten Sie in Ihren Klausuren, die Sie als Führungskraft selbst initiieren, tatsächlich relevante Inhalte?
Was tun Sie, um die Ergebnisse der Klausur im operativen Betrieb weiterzuverfolgen und Veränderung tatsächlich zu verfestigen?
Artikel erschienen am 26.03.2025 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/19477855/home-office