Kritzler hat unterschrieben. Nach vielen Jahren der Betriebszugehörigkeit und fast einer kleinen Karriere, wenn man das so nennen will, geht er. Er verlässt die Firma. Man trennt sich fair. Auf Augenhöhe. Er hat den einvernehmlichen Vertrag zur Beendigung des Dienstverhältnisses unterschrieben.
Ein paar Monate ist er noch da. Er soll noch ein paar Dinge richten, wie sein Chef sagt. Er mag seinen Chef. Somit tut Kritzler das auch.
Kritzler nimmt weiter im Getriebe der Organisation teil. Mit Distanz. Mit großer Distanz.
Die Probleme der anderen scheinen auf einmal nichtig. Dort beklagt sich ein Kunde. Es bedarf einer Managementintervention. Reicht ja bereits, wenn jemand vom Top-Management sein Gesicht hinhängt.
Da passen die Mitarbeiterzahlen nicht. Wie sollten sie auch, bei dem Vorgehen. Wer hat sich den Prozess überlegt?
Ausfälle in Systemen, die vor seinem Firmeneintritt schon alt waren. Die Lifecycle-Maßnahmen wurden Jahr für Jahr nach hinten priorisiert. Lifecycle kann man strecken wie ein Gummiband. Irgendwann reißt auch das.
Endlose Meetings, in denen alle alles einmal gesagt haben müssen. Beteiligung muss demonstriert werden. Höchste Effizienz in der Zeitverschwendung. Was könnte man nicht Sinnvolles mit all der Zeit tun. Liptauerbrote streichen, oberösterreichischer Hinterglasmalerei frönen, ein bis zwei Bier trinken.
Ewige Diskussionen über Projekte mit einer unzähligen Anzahl an Aufbereitungs- und Vorbereitungsworkshops. Outcome: PowerPoint Slides. Einmal gezeigt verschwinden sie, wie eine Wasserleiche im Sumpf. Wenn schlecht angebunden tauchen sie nach Jahren wieder woanders auf. Wo die Strömung sie hintreibt. Die Entscheidungslosigkeit der Entscheider lässt sie weiter als Zombie leben.
Projekte, die nie eine Chance auf Verwirklichung haben, weil das Budget von Anfang an nicht da ist. Und auch nie da sein wird. Trotzdem arbeitet eine Heerschar an talentierten, intelligenten Mitarbeitenden an unendlichen Analysen und Varianten. Was sollten sie auch sonst tun?
Ewige Telefonate mit Kollegen, wie man diesem oder jenem begegnen soll. Wohl wissend, dass dieses oder jenes nicht abwendbar ist. Unvermeidlich, wie die Gravitation. Auch wenn man es hundertmal diskutiert. Oder tausendmal.
Steering-Termine, wo die minimal kleinen Erfolge geschmückt werden, wie Kleinkinder in einem amerikanischen Schönheitswettbewerb. Alles, was nicht geliefert wird, bleibt unerwähnt. Verschwiegen. Vergraben. Verfolgt keiner nach. Wassermelone ist ein Status.
Top-Management-Termine, in denen Auswirkungen von vergangenen Nicht-Entscheidungen staunend hinterfragt werden, deren Eintreten man bereits zwei Jahre zuvor prognostiziert hat. Gelebte, organisationale Amnesie. Selig ist, wer vergisst.
Führungskräftetermine in großer Runde mit einer Unzahl an wirtschaftlichen Kennzahlen, die keiner in dem Raum beeinflussen kann. Sie liefern den Kontext, warum weiter gespart werden muss. So subtil wie ein Zaunpfahl.
Immer wieder kehrende Botschaften, die unverändert über die Jahre tönen, in der Hoffnung, dass sich dadurch irgendwas ändert. Die Definition von wahrem Wahnsinn?
Kritzler denkt sich seinen Teil. Er richtet noch die vereinbarten Sachen. Hat noch viele Kaffee-Termine mit Kolleginnen und Kollegen. Dann ist er weg. Keine Feier. Französischer Abgang. Hinterlässt keine Lücke. Baba.
Er hatte über viele Jahre eine wundervolle Zeit. Mit wundervoll großartigen Menschen. Mit wundervoll großartigen Führungskräften und wundervoll großartigen Mitarbeitenden und Kollegen. Eine unendliche Lernreise. Oder doch nicht ganz unendlich.
Kritzler wird das alles nicht bereuen, aber er wird es in der Zukunft auch nicht vermissen. Vielleicht, aber nur vielleicht, wird er ein paar Geschichten darüber schreiben.
Artikel erschienen am 24.12.2025 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/20428756/die-letzte-geschichte

