#49 – Jahresabschlussfest aka Firmenweihnachtsfeier

Thomas Pisar – satirisch – über Führen und Geführtwerden. Staffel 5 / Folge 9.

Er mag Weihnachten nicht wirklich. Und Firmenweihnachtsfeiern mag er wirklich nicht. Ostern ist ihm lieber. Mag er zwar auch nicht besonders, aber zumindest gibt es da keine Firmenweihnachtsfeiern.

Alle zwei Jahre findet in der Bude eine große Weihnachtsfeier statt. Also Jahresabschlussfest. Alle kommen. Wirklich alle. 6.328 Mitarbeitende. Die Organisation dafür beginnt im Mai. Wer später dran ist, bekommt keine Location mehr. Eigentlich schade, dass man nie einmal darauf vergisst.

Drei Monate vor dem Termin wird das Datum verschickt. Sicher ist sicher. No Excuses. Schwer zu argumentieren, dass man genau am 14. 12. keine Zeit hat. Nicht drei Monate davor.

Dann kommt das Motto. Ausgedacht von der internen Kommunikation. „Alle tragen Tannenwipfelgrün“ oder „rosa Unterwäsche mit Elfenmotiv“.

Als Führungskraft im oberen Management ist man da verhaftet. Man kommt dem nicht aus. Genauso wenig wie einem Stau auf der Südosttangente, wenn sie nur eine Spur offenlassen und man zum Flughafen muss.

Zwecks Einstimmung darf man dann noch bei besinnlichen Weihnachtsvideoaufnahmen mitwirken und gute Miene zum Spiel machen. Es sind zwar gerade fünfzehn Prozent der Belegschaft in die Wüste geschickt worden, aber für eine Agentur, die besinnliche Weihnachtsvideos dreht, da gibt es schon Geld. No Escape, außer durch rechtzeitige Kündigung.

Dann ist er da, der freudige Tag. Die Halle ist riesig. So groß, dass man den Überblick verliert. Vor dem Eingang wartet man eine geschlagene Dreiviertelstunde bei der Garderobe. Es ist Dezember. Da gibt es viel Gewand, das keiner mitschleppen will.

Er ist Führungskraft in dem Verein. Ein höheres Tier. Da ist man Freiwild auf einer Weihnachtsfeier. Natürlich scharen sich alle Chefs im Rudel zusammen. Reine Schutzmaßnahme. Aber immer wieder schafft es wer, die Burg zu erstürmen und einen von ihnen allein abzupassen. Dann Gnade einem Gott. Die nehmen sich zu Weihnachten den Freibrief heraus, einen unendlich lange festzuhalten und mit Problemen aus dem Schützengraben zu belagern, die keiner versteht. Er ist Vice President, viel zu weit weg von den Themen. Das checkt man nicht. Eine Stunde, zwei Stunden, die sich anfühlen wie vierzehn Tage Darmgrippe. Kann keiner verstehen, dass ihn das nicht interessiert. Er will auch nur seine Ruhe. Es tut ihm auch leid über all die beruflichen und persönlichen Schicksale, die ihm zugetragen werden. Aber was soll er hier tun?

Die Rede des CEOs läuft. Hört kaum jemand. Und wenn doch, ist man froh, dass nicht gebuht wird. Kein Wunder, bei dem Mitarbeiterabbau. Es folgt der klassische Motivationssatz: „Wir sind ein Team und sind so super.“ Echt jetzt? Lass stecken.

Das Buffet sieht er nur aus der Ferne. Die Schlange ist länger als mittwochs, wenn es Schnitzel gibt und gleichzeitig Homeoffice gestrichen wurde. Die Weinauswahl ist jedes Jahr gleich: Zweigelt als Rotwein. Könnte man auch zum Füßewaschen nehmen. Und Weißwein? Grüner Veltliner. Natürlich. Als gäbe es nur die zwei Sorten. Bier gibt es in so kleinen Bechern, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Er nimmt sich jedes Mal vor, einen Flachmann mitzubringen, nur um es im übernächsten Jahr wieder zu vergessen.

Das Cateringteam ist als Weihnachtselfen verkleidet. Leider passt nur die Hälfte so in die grünen Strumpfhosen, dass sie nicht fadenscheinig wirken. Der Zwirn ist weniger eng geknüpft, als einige Hintern breit sind. Die Naht kämpft mit den Gesetzen der Physik.

Er flüchtet sich aufs Klo. Aber auch dort warten Kollegen, die „kurz bonden“ wollen. Ihm ist schon Kreuzschnapsen zu viel. Was soll er dann hier mit Tausenden?

Zurück zur Chefgruppe. Sie stehen wie Rehe, umkreist von Gesprächswilligen. Wölfen. Jeder Moment, in dem jemand aus der Formation ausschert, ist ein Risiko, in einem tausendjährigen Gespräch zu landen. Es ist Weihnachten, wo ist sein Frieden?

Die Musik beginnt. Zuerst live, später wird der DJ übernehmen. Wer es schafft, sich mit wässrigen Longdrinks einen Mindestpegel anzutrinken, ist schneller auf der Tanzfläche als gewünscht. Man muss ja noch mit den Kollegen arbeiten – irgendwann. Wie soll man da die Bilder aus dem Kopf bekommen? Am Montag ist wieder Büro.

Er sieht einen seiner Kollegen zurückkommen. Zwei Stunden war der draußen zum Rauchen. Wurde von einem ganzen Team aufgehalten. „Wäre es wenigstens ein Zwei-Minuten-Pitch gewesen“, sagt er. „Aber das war ein ganzer Robert Musil. Lang, ohne Eigenschaften.“ Nach acht Zigaretten ist ihm schlecht. Wahrscheinlich vom Nikotin. Oder der Belagerung.

Er nippt weiter an seinem Bier, das ob der Kleinheit besser Pinocchio heißen sollte. Eine einzige Lüge.

An der Bar sieht er die ersten Gäste mit vier Bierbechern gleichzeitig. Schutzmaßnahme gegen die drohende Klimaerwärmung. Sicher ist sicher. Man weiß nie, wann wieder ausgeschenkt wird.

Die Schlange vor dem Herren-WC ist länger als die bei den Damen. Das hat man davon, dass man in einem Technikkonzern arbeitet. Alte Männer, mit Blasen in der Größe einer Ameisenferse.

Irgendwann trifft er jemanden, mit dem er wirklich gern redet. Sie organisieren sich etwas zu trinken. Rücken zur Menge. Sie reden über die Familie, seine Trennung. Sie kennen sich gut, da redet man auch. Zumindest so lange, bis irgendein betrunkener Vollpfosten kommt und mitreden will. Ende des Gesprächs.

Er versucht, die unendliche Menge zu überblicken. Die Halle ist jetzt eine andere. Der durchschnittliche Alkohol im Blut ist in der letzten Stunde deutlich gestiegen. Die Nüchternen haben das Feld geräumt und rein statistisch sind die anderen übergeblieben. Auf der Bühne kündigt die Moderatorin die Mitternachtseinlage an. Kaum wer nimmt das wahr. Es könnte auch eine Striptease-Show sein oder Dumbo, der fliegende Elefant. Die eine Hälfte will trinken, die andere Hälfte sich ekstatisch auf der Tanzfläche austoben. All das, was sie zu Hause nicht tun dürfen. Freibrief heute. Firmenweihnachtsfeier. Da muss man ja.

Er löst sich aus dem geschützten Kreis seiner Kollegen. Wagt sich weg vom Heimathafen, wie die ersten Menschen auf das offene Meer hinaus. Vorsichtig, bemüht, gefährliche Gruppierungen wie Sandbänke zu umschiffen. Die ersten sind bereits mit dem Kopf auf den Tisch geknallt. Er sieht ehrbare Kollegen in Ecken miteinander knutschen. Dunkle Ecken, aber keine schwarzen Ecken.

Er muss pissen. Aus einem der Klos dringen ziemlich eindeutige Geräusche. Wenn da drinnen nicht gerade zwei Nashörner um die Wette schnauben, dann sind da organtechnisch zwei miteinander so verwoben, dass es am Schluss klebrig werden könnte.

Er versucht, einen „französischen“ Abgang zu machen, und stolpert unaufmerksam über ein Team, das ebenfalls im Begriff ist aufzubrechen. Zehn Minuten muss er ihnen erklären, dass er nicht mehr in die Innenstadt mitgeht, um sich dort restlos aus dem Universum zu schießen. Das gibt Abzüge bei den Sympathiepunkten, aber was soll’s.

Er will einfach nur raus.

Der Kollege, der ihn hätte mitnehmen sollen, ist nicht auffindbar. Vielleicht war es sein Schnauben vorhin?

Er stellt sich bei der Garderobe an. Kann sich nur wundern, wie in dem Chaos irgendjemand irgendetwas findet. Lauter dunkle Mäntel. Einer wie der andere. Nach zehn Minuten hat er zumindest etwas an, das so ausschaut, als wäre er damit auch gekommen. Gut genug.

Jetzt ist er endlich draußen und muss nur mehr zu vierhundert Leuten „Tschüss“ und „Schönen Abend“ sagen, die dort rauchend herumlungern. Auch das ist irgendwann erledigt. Er flieht um die Ecke, die Straße runter zum nächsten Taxistand. Koste es, was es wolle. Hauptsache weg. Geschafft. Draußen.

Er will nur noch zu McDonald’s. Er hat Hunger. Es gab keine Chance, zum Buffet vorzudringen. Lange Schlange, viele Wölfe.

McDonald’s ist herrlich anonym. Das Fest liegt hinter ihm. Ein Big Mac mit Pommes und Coke Zero vor ihm. Soll ihm echt am Arsch lecken, diese ganzen Firmenfeiern.

Beim Essen blickt er auf sein Handy. 27 neue Nachrichten. Ignoriert er. Dann poppt eine Mail auf. Absender: „Kippler – CEO“. Betreff: „Weihnachtsfeier“. Er öffnet sie. Ein Danke vom CEO. Persönlich an ihn adressiert. Offenbar vom Handy geschrieben.

„Die Weihnachtsfeier ist ein voller Erfolg. Großartiger Einsatz. Vielen Dank, dass du das so professionell organisiert hast. Wir möchten dich daher bitten, ab sofort auch die Gesamtkoordination für die neue Corporate Summer Stage zu übernehmen. Pilotprojekt. Konzernweit. Fixtermin: 15. Juni. Schick mir ein paar Motto-Vorschläge. Vielleicht irgendwas mit Hawaii. LG Kippler.“ 

Er schaut auf das Handy. Dann auf seinen Big Mac. Dann zurück auf sein Handy. Schreibt eine Antwort: „Ich kündige, S.Prechblasen“ und versenkt das Handy im restlichen Coke Zero.

Geht hinaus. Beginnt zu pfeifen. Leise. Mit viel innerem Frieden. „Stille Nacht.“

Learnings

Diese Geschichte ist keine Satire, sie ist eine Feldstudie in Echtzeit. Und sie erzählt sehr viel über Organisationen, mehr als jeder Consultant-Report.

  • Organisationen erzeugen Rituale, die kaum jemand mag, aber niemand hinterfragt.
    Die Firmenweihnachtsfeier wirkt wie ein unverrückbares Dogma. Die absurde Planungstiefe, die Pflichtbeteiligung, die pseudofröhliche Inszenierung: alles wird akzeptiert. Widerspruch? Gibt’s nicht. Weil man es eben so macht.
  • Rituale kompensieren strukturelle Kälte durch künstliche Nähe.
    Trotz Personalabbau wird gefeiert. Es wirkt fast wie ein emotionales Pflaster für die Frakturen der Organisation. Dabei entsteht keine echte Nähe, sondern ein „aufgezwungenes So-Tun-als-ob“. Das Klo wird zum letzten Rückzugsort. Ein starker Indikator dafür, wie belastend das Setting ist.
  • Soziologisch gesehen: Weihnachtsfeiern sind Macht- und Entgrenzungsräume.
    Die klare Hierarchie verschwimmt, aber nur scheinbar. Die Chefs rotten sich zusammen wie Wild in Bedrohungslage, während Mitarbeitende ihre einzige Gelegenheit nutzen, um „nach oben“ zu sprechen. Die Begegnung ist selten freiwillig, meist übergriffig, kommunikativ wie sozial.
  • Emotionale Dissonanz führt zu innerem Rückzug oder zynischem Coping.
    Die Hauptfigur zeigt Anzeichen von emotionaler Erschöpfung, von Reizüberflutung, sozialer Überforderung und Kontaktmüdigkeit. Der Flachmann wird zum Symbol der Selbstverteidigung, das nicht funktioniert. Am Ende steht ein Akt der Autonomie: Kündigung als Befreiung von organisationalem Irrsinn.
  • Ironie als Selbstschutz in einer entgrenzten Organisation.
    Die Ironie des Protagonisten ist weniger Stilmittel, sondern mehr Überlebensstrategie. Die Ironie schützt vor der systemischen Absurdität, die er ertragen muss, aber nicht ändern kann.
  • Der letzte Satz ist eine Diagnose.
    Das Pfeifen von „Stille Nacht“ ist kein Witz. Es ist das erste echte Ritual des Abends und es ist selbstgewählt. Es zeigt: Selbst in Systemen voller Überforderung gibt es Momente echter Autonomie. Sie sind selten. Aber sie zählen.

Wie wirkt der Protagonist auf Mitarbeitende und was lässt sich daraus lernen:

  • Distanz schützt, aber entfremdet.
    Der Rückzug des Protagonisten ist ein verständlicher Selbstschutz, wird von Mitarbeitenden aber als Arroganz oder Desinteresse wahrgenommen. Wer führen will, muss Nähe aushalten, auch wenn sie anstrengend ist.
  • Zynismus ist keine Führungshaltung.
    Zynismus kann als Ventil funktionieren, aber sie entwertet gleichzeitig das, was anderen wichtig ist, selbst wenn es ihnen auch peinlich ist. Wer alles ins Lächerliche zieht, verliert Glaubwürdigkeit und Verbindung.
  • Emotionale Müdigkeit ist spürbar, wirkt aber wie Herablassung.
    Die Ablehnung des Protagonisten gegenüber der Feier ist nicht das Problem. Aber wie er sie lebt, sendet ein klares Signal: „Ich bin zu gut für diesen Unsinn.“ 
    Das erzeugt ein arrogantes Bild.
  • Autonomie ohne Verantwortung wirkt wie Flucht.
    Der Abgang des Protagonisten mag konsequent wirken, doch für die Mitarbeitenden bleibt er ein Rückzieher. 

Was bleibt, wenn man den Zynismus nicht als Endpunkt, sondern als Durchgangsstadium versteht?

  • Authentizität statt Fassade.
    Auch wenn er überzieht: Der Protagonist spielt kein Spiel. Er zeigt, was viele denken, aber nicht sagen. In einer Kultur, die oft auf Oberflächlichkeit und harmonische Funktionalität setzt, wirkt das entlarvend und befreiend. Er ist nicht falsch. Nur schonungslos ehrlich.
  • Individuelle Resilienz durch innere Klarheit.
    Die Kündigung am Ende ist kein Kollaps. Es ist ein bewusstes „Nein“. Kein Burnout, sondern ein Exit mit Haltung. Das zeigt: Man kann auch in starren Systemen Entscheidungen treffen und sich selbst treu bleiben.
  • Systemkritik durch Überzeichnung macht Strukturen sichtbar.
    Der Protagonist übertreibt, aber er lügt nicht. Durch die Zuspitzung wird sichtbar, wie viel Widerspruch, Überforderung und kommunikative Absurdität in Organisationen oft unter dem Deckel gehalten werden. Das öffnet den Raum für echte, systemische Veränderung.
  • Er zeigt, dass man sich abgrenzen darf.
    Für viele Mitarbeitende ist die ständige Verfügbarkeit, selbst beim Feiern, eine Belastung. Der Protagonist zieht Grenzen. Spürbar, klar, manchmal hart. Aber es zeigt: Man darf das. Man muss nicht überall mitmachen.
  • Seine Ablehnung wirkt entlastend.
    Er bricht mit der unausgesprochenen Erwartung, dass man die Firmenrituale mögen muss. Dass man sich freut, mitfeiert, mitmacht. Wer wie er nicht lacht, ist nicht automatisch ein Querulant, sondern vielleicht einfach ehrlich.
  • Ein stiller Verbündeter im System.
    Auch wenn er unnahbar wirkt: Der Protagonist leidet unter denselben Zuständen wie viele andere, nur aus einer anderen Perspektive. In seiner Müdigkeit, seiner Ironie und letztlich in seinem Entschluss liegt auch ein stilles „Ich verstehe euch“. Das allein kann verbinden.
  • Kurz gesagt: Hinter dem Sarkasmus steckt Sehnsucht nach Echtheit, nach Sinn, nach menschlicher Begegnung ohne Zwang. Und darin liegt die Chance. Nicht nur für ihn, sondern für jede Organisation, die den Mut hat, zuzuhören.
    Er ist nicht der Held. Aber er ist auch nicht der Gegner. Vielleicht ist er einfach ein Spiegel für das, was alle irgendwie fühlen, aber keiner sagen darf. Und das ist mehr wert als jede mit Zweigelt begossene Rede vom „Wir-sind-ein-Team-Gefühl“.

Artikel erschienen am 17.12.2025 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/20405468/jahresabschlussfest-aka-firmenweihnachtsfeier

Share:

Weitere Beiträge