#43 – Der Rausschmiss

Thomas Pisar – satirisch – über Führen und Geführtwerden: Der Rausschmiss.
Thomas Pisar – satirisch – über Führen und Geführtwerden. Staffel 5 / Folge 3.

Vorhauser hat wieder Jahresgespräche mit seinem Chef Lutsch. Einmal im Jahr hat er Gespräch mit Lutsch, der in dem Termin die Ergebnisse der Abteilung durchgeht und persönliches Feedback gibt. Die bisherigen Jahresgespräche sind immer sehr angenehm und ruhig verlaufen. Lutsch hat immer seine Zufriedenheit mit der Arbeit von Vorhauser zum Ausdruck gebracht. Keine Überraschungen.

Auch das diesjährige Meeting startet mit einem Überblick von Lutsch über die guten Ergebnisse der Abteilung. Die Ziele wurden alle erfüllt, zum Teil sogar übererreicht und, dort wo notwendig, wegdiskutiert. Lutsch ist sehr zufrieden.

Lutsch ergeht sich in Lob über die Arbeit von Vorhauser. Vorhauser ist verlässlich. Vorhauser ist pünktlich. Vorhauser ist loyal. Vorhauser ist präzise, aber nicht übergenau. Vorhauser ist proaktiv, aber nicht lästig. Auf Vorhauser kann man einfach bauen. Lutsch ist sehr zufrieden. 

Lutsch hat aber auch ein Ziel für einen Stellenabbau bekommen. Weil Vorhauser so ein guter Mitarbeiter ist, hat Lutsch sich entschieden, dass Vorhauser mit Ende seiner Kündigungsfrist das Unternehmen verlassen wird. Vorhauser findet wohl mit diesem tollen Feedback am leichtesten einen neuen Arbeitsplatz.

Learnings

Wenn man glaubt, es kann einen nicht mehr überraschen, kommt das System doch noch mit einer neuen Pointe.

  • Paradoxe Organisationen: Die Kündigung eines loyalen und verlässlichen Mitarbeiters erfolgt nicht trotz, sondern wegen seiner Stärken, weil er als „leicht vermittelbar“ gilt. Das zeigt, wie rationalisierte Ziele (Stellenabbau) moralische Bewertungen (gute Leistung) überlagern.
  • Legitimierter Zynismus: Durch Lob wird die Kündigung emotional verpackt und für alle Beteiligten psychologisch erträglich gemacht. Die Absurdität wird kaschiert durch eine fürsorgliche Rhetorik. Der Akt der Kündigung wird zur „Chance“ umgedeutet, eine Form der entpersonalisierten Fürsorge.
  • Komplexe Systemlogik: Entscheidungen folgen weniger individueller Leistung als emergenten Dynamik, etwa Budgetdruck, Machtsicherung oder Systemziele. Sie sind selten linear oder kausal, sondern oft paradoxe Kompromisse.
  • Psychologischer Bruch: Für den Gekündigten entsteht eine kognitive Dissonanz zwischen Wertschätzung und Entlassung. Diese Mischung aus Lob und Abschied führt zu Vertrauensverlust und langfristiger Verunsicherung.
  • Verkehrte Welt: Der „Beste“ wird gekündigt, weil er es am leichtesten hat. Die Kündigungslogik wird auf den Kopf gestellt und damit zur systemischen Norm. Je besser du bist, desto eher bist du entbehrlich. Vertrauen in Leistung als Sicherheitsfaktor wird dadurch zerstört.

Sind Sie schon mal über eine ähnliche Situation gestolpert? Mussten Sie vielleicht schon einmal wegen Personalzielen eine Trennung aussprechen und welche Kriterien haben Sie zu Rate gezogen?

Artikel erschienen am 05.11.2025 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/20265771/der-rausschmiss

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