Schlingler braucht nur 5.000 Euro. Seit Monaten bemüht er sich, dieses Budget aufzustellen. Seit Monaten bekommt er negative Bescheide. Das Geld sei nicht da. Das Feature sei derzeit nicht notwendig. Man unterstellt ihm, er wolle ohnehin nur goldene Wasserhähne einbauen. Ob er wohl wisse, was man mit 5.000 Euro alles machen könne?
Schlingler ist frustriert. So richtig. Für 5.000 Euro hat er Formulare ausgefüllt, mit denen andere zehn Eurofighter oder einen Flugzeugträger kaufen. Ungelogen. Ohne Übertreibung. Insgesamt hat Schlingler dreizehn volle Arbeitstage damit verbracht. Dreizehn Tage reine Arbeitszeit. Er hat zusätzlich Allianzen geschmiedet, Lobbying betrieben, mit der Enterprise Architektur gesprochen, den IT-Leiter belästigt, den Einkaufsleiter in der Garage abgepasst. Seine Seele verkauft. Er hat sogar dem CTO ein Mail geschrieben, wartet aber noch auf Antwort. Siebzehn Mal hat Schlingler in der Kantine wichtigen Personen, die Einfluss haben könnten, den Kaffee bezahlt: neun Espressi, vier Melange, vier große Braune. Er hat mit sieben Projektleitern gesprochen, die gemeinsam ein Budget von 13,3 Millionen Euro verwalten, ob sie das Feature mitfinanzieren könnten. 5.000 Euro. Alle haben Nein gesagt. Das Ergebnis: nichts. Schlingler ist frustriert. So richtig. Aber er kann sich nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben. Wahrlich.
Bildermaler ist CTO. Er kümmert sich um die großen Dinge im Unternehmen. Er weiß, wie man Deals einfädelt. Das ist sein Geschäft. Der nächste Deal steht mit dem Lieferanten Krakovsky an. Krakovsky hatte schon vor einem Jahr versucht, einen Mega-Deal zu landen. Das Thema lag dann monatelang auf Eis. Experten hätten noch etwas ausarbeiten sollen. Keiner kennt den Status. Egal. Jetzt braucht Krakovsky den Vertrag mehr denn je. Dringend. Ultra-dringend. Die Konditionen sind bestechend. Statt 123 Millionen Euro bieten sie das Gesamtpaket für 87 Millionen an. Und einen Voucher über weitere 12 Millionen für das Folgejahr. Einsparung: 48 Millionen Euro. In Worten: achtundvierzig Millionen Euro. Voraussetzung: Unterzeichnung morgen. Sonst platzt der Deal.
Bildermaler weiß, wie man das durchzieht. Die Zustimmung von CFO und CEO hat er. Der Aufsichtsrat hat telefonisch zugestimmt. Jetzt muss alles im Eiltempo durch den Einkaufsprozess. Das war bisher nie ein Problem. Dafür muss er nur Kloprotz anrufen. Doch Kloprotz liegt im Krankenhaus. Schwere Kehlkopfentzündung. Kann kaum sprechen. Krächzt nur, dass ein gewisser Schlingler sich um ein bestimmtes Feature kümmern sollte. Irgendeinen Fast-Lane-Prozess im Einkaufstool. Kleinigkeit. Ohne dieses Feature läuft aber gar nichts, wegen Compliance. Sonst dauert es eine Woche.
Learnings
Wenn man für 5.000 Euro kämpfen muss, um 48 Millionen nicht zu verlieren, dann hat das System mehr als nur Schluckauf.
- Investitionen scheitern nicht immer an Geld. Sie scheitern an Strukturen, Prozessen und einer Kultur, in der operative Notwendigkeit gegen symbolische Wichtigkeit verliert.
- Kleine Budgets durchlaufen oft absurd aufwändige Prozesse, weil sie keine Lobby haben. Große Deals hingegen flutschen durch, meist auf Zuruf, manchmal mit Kehlkopfentzündung.
- Die Organisation glaubt, rational zu handeln. Tatsächlich folgen Entscheidungen oft dem Prinzip: Wer schreit, gewinnt. Wer Formulare ausfüllt, verliert.
- Wenn ein Feature im System nicht eingebaut ist, weil 5.000 Euro gefehlt haben, und dadurch ein 48-Millionen-Deal zu platzen droht, zeigt sich das wahre Verhältnis von Strategie und Wirklichkeit.
- In komplexen Systemen ist nicht vorhersehbar, welches kleine Element die große Organisation lahmlegen kann.
- Das Heldentum von Schlingler liegt nicht im Erfolg, sondern in der unermüdlichen Bereitschaft, ein System zu besiegen, das ihn gar nicht wahrnimmt.
- Wenn der CTO den Einkaufsprozess „fast-lanen“ will, aber der Prozess dazu nicht existiert, dann war das Feature vielleicht doch kein goldener Wasserhahn, sondern eine verdammt teure Unterlassung.
Artikel erschienen am 19.11.2025 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/20319024/5000-gruende-um-48-millionen-zu-versemmeln

