Glawischnek ist ein guter Mensch. Glawischnek trennt den Müll. Restmüll, Biomüll, Kartonagen und Sachen für den gelben Sack. Auch seine beiden Kinder müssen den Müll trennen. Seine Frau sowieso.
Glawischnek fliegt nur einmal im Jahr auf Urlaub. Davor trennt er den Müll noch akribischer. Glawischnek fährt auf der Autobahn nicht zu schnell, um seinen CO₂-Ausstoß gering zu halten. Außer er hat es eilig. Mit dem Zug zu fahren, hat er sich nicht durchringen können. Das geht nicht in seinem Job. Der ist zu stressig. Glawischnek denkt über ein E-Auto nach.
Seine 120-Quadratmeter-Wohnung im 6. Bezirk in Wien ist zwar Altbau, aber er hat vor drei Jahren die Fenster sanieren lassen. Nicht wegen der Heizkosten, sondern als Beitrag zum Klimaschutz.
Klimaschutz ist Glawischnek wichtig. Glawischnek kauft nur Bioprodukte. Wenn er sich daran erinnert. Glawischnek hat ein schlechtes Gewissen, wenn er im Dezember Erdbeeren isst. Die kommen dann aus Spanien. Oder Tunesien. Glawischnek isst weniger Fleisch als früher, und wenn, dann nur aus der Region. Naja, der Kuh ist das egal. Er verträgt das rote Fleisch auch nicht mehr so gut.
Seine beiden Kinder tragen keine Sachen von H&M. Seine Kinder tragen Patagonia. Das ist nachhaltig. Er kann es sich leisten. Die Apple-Gadgets der Kinder sind refurbished. Glawischnek ist für Diversität. Er hat nichts gegen Schwule und andere. Einen Schwulen kennt er sogar. Zumindest glaubt Glawischnek, dass er schwul ist.
Er würde auch eine Frau als Chefin akzeptieren. In der Situation war er aber noch nicht. Gegen Frauen als Kolleginnen hat er nichts. Die bringen ab und zu einen Kuchen mit.
Glawischnek ist zu allen nett. Er gibt dem farbigen Pizzalieferanten aus Somalia oder wo auch immer aus Afrika jedes Mal Trinkgeld. Er rundet auf ganze Euro auf. Er ist auch nett zu seiner türkischen Putzfrau, die bei ihm um zehn Euro schwarz arbeitet.
Glawischnek ist aufgeklärt und tolerant. Die Zeitung, in der er den Biomüll einpackt, ist rosa. Lesen tut er allerdings online Die Presse.
Glawischnek ist ein guter Mensch.
Glawischnek ist auch Vice President in einem großen Konzern, einem Aktienunternehmen. Dort ist er für rund eineinhalbtausend Mitarbeitende verantwortlich. Die Unternehmenszahlen entwickeln sich schlecht. Die geplanten Gewinnzuwächse von neun Prozent liegen weit unter den Erwartungen. Sehr weit. Wirtschaftskrise.
Die Eigentümer wollen Maßnahmen sehen. Die Analysten wollen Maßnahmen sehen. Auf der Kostenseite. Somit auf der Personalseite. Die Strukturen müssen den Gewinnen entsprechend nachgezogen werden. Mehr Effizienz ist erforderlich.
In einem großen Planungstermin hat Glawischnek seine Personalziele bekommen. Die Personalabteilung hat die Verteilung des Abbaus berechnet. Äquivalent. Minus 273 FTE für Glawischnek. FTE – sogenannte Full Time Equivalent.
Schönes Wort für Menschen. Oder Teile von Menschen. Teilzeitkräfte werden nur äquivalent gerechnet. Teile von Personen. In Summe sind es 302 Menschen, sogenannte Heads. Auch nicht viel besser.
Seine Kollegen müssen auch Haare lassen. Oder FTE. Menschen also. Das Leben ganzer Familien wird verändert. Nicht freiwillig. Von anderen bestimmt.
Wirtschaftskrise. Strukturanpassungen. Mehr Effizienz. Geht nicht anders. Die Eigentümer wollen es. Die Analysten auch.
Glawischnek kann drei Nächte nicht schlafen. Also schon, aber nicht gut. Wahrscheinlich das Steak, das er sich gegönnt hat. Er wälzt sich im Schlaf herum. Er träumt davon.
Er trennt mehr Müll. Isst danach zwei Wochen nur Huhn. Keine Kuh. Keine Erdbeeren. Es ist Dezember. Mango schon.
Glawischnek muss nachhaltig das Leben von 273 FTE, in Summe also 302 Menschen, verändern. Eigentlich auch nicht. Glawischnek gibt die Ziele an seine Abteilungsleiter weiter. Die müssen das umsetzen. Exekutieren, wie man so schön sagt. Glawischnek muss keine einzige Kündigung selbst aussprechen. Bei seinen Abteilungsleitern bleiben alle.
Wenn er es nicht tun würde, würde es jemand anderer tun. Dann wäre seine Karriere auch im Eimer. Da hat keiner was davon.
Immerhin kann Glawischnek darauf achten, dass alles korrekt und wertschätzend passiert. Heisenberg ist auch in Deutschland geblieben, um zu verhindern, dass die Nazis die Atombombe bekommen. Sagt Heisenberg[1].
Glawischnek kann wieder gut schlafen. Er kennt auch keinen der 302 Mitarbeiter wirklich.
302 ist nur eine Zahl. Einer wäre ein Schicksal.
[1] Werner Heisenberg war ein deutscher Physiker und Nobelpreisträger, der während des Zweiten Weltkriegs im nationalsozialistischen Uranprojekt inhaltlich führend tätig war, dem Forschungsprogramm, das versuchte, eine deutsche Atombombe zu entwickeln. Heisenberg blieb in Nazi-Deutschland, anstatt ins Ausland zu fliehen, wie viele seiner Kollegen. Nach dem Krieg argumentierte Heisenberg, er sei geblieben, um zu verhindern, dass das Regime tatsächlich die Atombombe bekommt. Kritiker warfen ihm dagegen vor, er habe sich nicht ausreichend gegen das Regime gestellt und mit Engagement an der Bombe gearbeitet. Ob er tatsächlich bremste oder vorantrieb, ist bis heute umstritten.
Learnings
Ein schwieriges und heikles Thema. Was sehen wir, wenn wir genauer hinschauen:
- Organisationen folgen primär ihrer eigenen Struktur, die das Verhalten prägt, und nicht der Moral ihrer Mitglieder. In einem komplexen System ist kein einzelner Akteur verantwortlich, aber alle tragen zur Stabilisierung des Systems bei. Glawischnek kann das System nicht verändern, nur effizient exekutieren.
- Glawischnek handelt innerhalb eines „geordneten Systems mit klaren Vorgaben“, der Raum für moralisch subversives Handeln ist stark begrenzt. Die moralische Rhetorik (wertschätzend, korrekt) dient der Legitimation von Entscheidungen, die längst durch ökonomische Sachzwänge gefällt wurden. Die Entscheidungen folgen der Logik von Eigentümerinteressen, Analystenerwartungen und Effizienzsteigerung. Persönliche Überzeugungen spielen in der Struktur keine Rolle.
- Rollenlogik schlägt Personenethik: Glawischnek ist Vice President und muss handeln, wie es diese Rolle vorsieht. Glawischnek handelt nicht als Mensch, sondern als Funktionsträger. Entscheidungen erscheinen alternativlos, sobald sie durch die Organisation rationalisiert sind. Moralisches Verhalten wird auf privat-symbolische Handlungen ausgelagert.
- Die Technokratisierung von Sprache durch Begriffe wie FTE oder Heads ist mehr als ein Jargon. Sie dient der emotionalen Entkopplung und fungiert als psychologischer Selbstschutz für Führungskräfte, die Entscheidungen mit gravierenden persönlichen Folgen treffen müssen. Indem Menschen in rechnerische Einheiten zerlegt und als Steuergrößen behandelt werden, wird die moralische Last reduziert. Die Sprache erzeugt Distanz, macht das Unaussprechliche besprechbar und hilft, im System zu funktionieren. Gleichzeitig jedoch erleichtert sie das Verdrängen von Verantwortung und führt zur schleichenden Entmenschlichung, der Einzelne verschwindet hinter der Zahl, das Schicksal hinter der Maßnahme.
- Die Fiktion der „guten Führungskraft“ bleibt aufrechterhalten, indem Delegation nach unten (an die Abteilungsleiter) die direkte Täter-Opfer-Verbindung unterbricht und das Vorgehen von Glawischnek als „wertschätzend“ und „korrekt“ bezeichnet wird. Glawischneks Verhalten ist nicht zynisch, sondern systemkonform. Das eigentliche Problem liegt nicht im Akteur, sondern in der Struktur, die ihn handeln lässt, wie er handelt.
- Selektives Engagement (Bio, Mülltrennung, Refurbished Gadgets) dient als moralische Kompensation, um schwerwiegendere Handlungen (z. B. Kündigungen) vor sich selbst zu rechtfertigen.
- Die Anspielung auf Heisenberg heißt übersetzt auf Glawischnek: Bleibt er, um Schlimmeres zu verhindern und es ohnehin sonst wer anderer machen würde? Oder bleibt er aus Eigeninteresse? Da wird es keine eindeutige Antwort geben.
Wer wären Sie in der Geschichte Glawischnek, einer der Abteilungsleiter oder ein Mitarbeitender? Wie sehr empfinden Sie ein Spannungsfeld in Ihrem Job zwischen der strukturell und formal vorgegebenen Aufgabe und der eigenen Moralvorstellung? Wo entscheiden Sie selbst und wo lassen Sie „durch das System“ entscheiden? Wie sehr sind sie in einem Spannungsfeld: zu bleiben, um Schlimmeres zu verhindern, oder zu bleiben, um nicht selbst den Job zu verlieren?
Artikel erschienen am 12.11.2025 in der „Presse„: https://www.diepresse.com/20291817/glawischnek-trennt-muell-und-menschen

